Seit Annis Mutter bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen ist, verbringt ihr Vater die Tage vor dem Fernseher und vernachlässigt seine Kinder. Annis Bruder drischt nur noch auf sein Schlagzeug ein, und ihre große Schwester droht auf die schiefe Bahn zu geraten. Keine guten Voraussetzungen für ein vergnügliches Kinderbuch – könnte man meinen. Gäbe es da nicht das soziale Netzwerk: die beiden Tanten, eine resolut, die andere liebevoll-nachgiebig, die humorvollen Großeltern und eine Schulfreundin, die felsenfest zu Anni steht, auch wenn die Klassenzicken wieder einmal versuchen, Anni auszugrenzen. Dieses Netzwerk trägt und bewahrt Annis Familie letztendlich davor, an ihrer Trauer zu zerbrechen.
Zunächst sieht es nicht gut aus. Zu Hause gibt es nur noch verkohlte Pizza zu essen. Wenn diese gar nicht mehr genießbar ist, wird sie an den Familienhund verfüttert. Dem Hund bekommt dies auf Dauer gar nicht. Er leidet zunehmend unter der falschen Ernährung und mangelndem Auslauf. In der Schule kann sich Anni nur noch schlecht konzentrieren. Erst die neue, strengere Lehrerin schafft es, Anni den nötigen Halt zu geben.
Als die familiären Zustände langsam unhaltbar werden, reden die Tanten und Annis Großeltern dem Vater ins Gewissen und schaffen es, ihn an seine familiären Pflichten zu erinnern. Schlecht gelaunt versucht der Vater zunächst mit übermäßiger Strenge, Annis Schwester wieder auf die richtige Bahn zu bringen. Dies geht zunächst gründlich schief. Erst als eine der beiden Tanten beschließt, ihre Hochzeit im zwischenzeitlich völlig verwahrlosten Garten der Familie zu feiern, platzt der Knoten.
Anni und ihrer Familie schaffen es nicht nur, den Garten aufzuräumen. In dem Moment, in dem sie das zerbeulte Fahrrad der Mutter aus dem Schuppen ziehen, gelingt es ihnen endlich, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und offen über ihre Trauer zu sprechen. Der Heilungsprozess beginnt. Zum Schluss – nach einem Wechselbad der Gefühle – wird der Leser mit einem großartigem Happyend belohnt.
John Newman zeichnet seine Figuren liebevoll. Er schafft es, dieses schwierige Thema literarisch so zu gestalten, dass der Leser bis zum Ende nicht mehr losgelassen wird. „Anni“ von John Newman kann für Kinder ab neun Jahren und auch für erwachsene Leser empfohlen werden.
John Newman: Anni. Fischer Schatzinsel 2011. 12,95 Euro.
Von Andreas Jani, Kinder- und Jugendbibliothekar der Stadtbibliothek Böblingen