Als Roger Willemsen im Herbst letzten Jahres in Sindelfingen sein neustes Buch vorstellte („Die Enden der Welt“), las er keine Zeile daraus, aber er zündete ein Feuerwerk von Geschichten, verblüffend und erhellend. In Buchform sind sie noch vielschichtiger. Roger Willemsen erzählt in 22 Kapiteln von Orten, an denen die Welt endet. Das kann die heimatliche Eiffel sein, die einem nichts mehr sagt, ein Krankenhauszimmer, in dem ein Junge stirbt und von einer Reise ans Ende der Welt träumt, oder tatsächlich eine gänzlich fremde Region wie Feuerland oder Sibirien.
In Birma setzt sich Willemsen in die Holzklasse eines Zuges. Mit ihm reist ein ärmliches Ehepaar, das nach Hause fährt, in den Krieg. Sie kommen ins Gespräch. Willemsen erfährt, dass die beiden in den Süden gereist sind, um einmal in ihrem Leben das Meer zu sehen. Aber die Staatsgewalt hat ihnen den Zugang zum Meer verwehrt, und so haben sie gehorsam die Rückreise angetreten. Roger Willemsen will den Norden Birmas kennen lernen, aber das Dorf des Ehepaars wird er nicht erreichen, denn Fremde erhalten keinen Zutritt: So resümiert der Autor: „Sie werden das Meer nicht sehen und ich nicht ihr Dorf.“ Für beide endet also in Birma eine Welt. Ihnen bleibt nur eine Möglichkeit: Sie reden miteinander, sie tauschen Geschichten aus.
Der Leser lernt Erstaunliches über Birma und seine Menschen, aber erfährt noch viel mehr, denn Roger Willemsen erzählt immer mehrere Geschichten gleichzeitig. Die Geschichte über Birma beginnt in der Heimat des Autors: „Aufgewachsen bin ich in jener Hügellandschaft, die man geographisch die Voreifel nennt.“ Auch hier findet sich das Meer: in der Phantasie des kleinen Roger.
In Willemsens neuem Buch ist alles verwoben: Eigenes und Fremdes, Realität und Vorstellung, Beobachtung und Reflexion. Roger Willemsen reist nicht nur, er denkt auch über das Reisen nach. Indem er an Grenzen stößt, erweitert er die eigenen. So ist ein kluges, reiches, welthaltiges Buch entstanden, voller kleiner und großer Geschichten, voller Farben, Gerüche und Klänge, mit der Vergänglichkeit als großem Thema, ein unerschöpfliches Buch über die Kunst des Reisens.
Roger Willemsen: Die Enden der Welt, Fischer 2010.
Von Jan Renz, Literatur- und Musikkritiker der KREISZEITUNG