26.03.2007

Fürsorgliche Mitläufer

Um 13:53 Uhr von Langner in Satire und Humor der Marke KREISZEITUNG

Das sagt sich so dahin: Die Läufer sind alle eine große Familie. Wie viel Wahrheit da drin steckt, wie intensiv diese Floskel gelebt wird, davon konnte ich mich zu Beginn der Laufsaison gleich zweimal überzeugen. Denn was bedeutet „Familie“? Man achtet aufeinander, macht sich Sorgen und kümmert sich um die Mitglieder.
Ganz uneigennützig. Zum Beispiel um mich.
Ich hatte zwar alle Anstrengungen unternommen, die drei Kilo Winterspeck zuviel zu Beginn der Saison gut zu verstecken. Was ja bei den augenblicklich herrschenden Temperaturen ganz gut geht. Dachte ich. Doch als ich beim Glaspalast-Lauf den Berg runter dank meiner Kilo so richtig schön ins Rollen kam, wurde mein Nachbar seiner Verantwortung gerecht. Er sah sofort, welch falsches Signal ich mitnehmen könnte, wenn ich an ihm vorbeizog. Also stellte er etwas den Ellenbogen raus. Zog ganz sanft nach links, bis nur noch zwei Alternativen blieben:
Ab in den Wald oder abbremsen. Rechts neben meinem fürsorglichen Mitläufer gab es gerade genug Platz. Doch seine pädagogische Intervention hatte Erfolg.
Auf dem letzten Kilometer bis zum Ziel führte mir der letzte leichte Anstieg deutlich vor Augen, was optimales Kampfgewicht bedeutet.
Dies brachte ich allerdings auch am Sonntag in Magstadt nicht auf die Waage. Was sich vor allem in der zweiten Runde des fröhlichen Auf und Ab durch den Wald
bemerkbar machte. Immerhin: Mein Hüftspeck bot einem langen Schlaks über gut zwei Kilometer genügend Windschatten im Hölzertal. Der bedankte sich – gut einen halben Kopf größer – bei dem kleinen Dicken vor ihm mit dem warmen Atem des Verfolgers im Nacken. Andere brauchen dazu einen Air-Scarf im SLK. Doch das Gewicht forderte seinen Tribut. Der faule Bauch rief nach Entlastung, wollte auch ein bisschen im Windschatten schlotzen auf den letzten 500 Metern bis zu den schützenden Häusern. Gang raus, rechts rüber, den Langen passieren lassen. Der hängt sich in den Wind. Wird sich aber nach nicht einmal 200 Metern seiner Verantwortung bewusst. Hat ja genügend Zeit zum Studium der Hüftrollen gehabt. Beschließt also, auf die rechte Seite des Feldwegs zu wechseln. Da der Wind schräg von links vorne kommt, ist’s sofort aus mit dem windstillen Ausruhen. Der kurze Ausflug in die Wiese ist zu anstrengend. Also wieder rein in den Wind. Und das Gewicht Richtung Ziel gedrückt. Der Lange macht die Beine lang. Und ich stehe im Wind. Erkenne, dass mit wenigstens zwei Kilo weniger ein spannendes Duell anstünde.
Aber so – das Fett kapituliert. Statt Schlusspurt bis zum Anschlag gemütliches Ausrollen. Der Dank meiner Frau ist den um mich so besorgten Familienmitgliedern gewiss. Und meiner sei hiermit abgestattet. Wann vergeben die Veranstalter einen Fairness-Pokal? Ich kenne schon
zwei Kandidaten.

Otto Kühnle