11.07.2006

Gebt uns bitte das Fähnchen!

Um 13:21 Uhr von Langner in Satire und Humor der Marke KREISZEITUNG

Die Fußball-WM wird uns nicht so schnell loslassen
Seit dem Abpiff des größten gemeinsamen Fernsehguckens, das diese Nation jemals erleben hat dürfen, möchten wir gerne Politiker sein. Nicht, weil es da viel Geld für nicht so viele Sitzungen gibt, sondern weil wir nun wissen, wie das mit der Umverteilung funktioniert. Man nehme einen Vorwand, nenne den Fußball Weltmeisterschaft, und schon fließt das Geld vom Bürger dorthin, wo man es gerne möchte. Die Fifa, jener sympathische Leibeserziehungs-Verein, ohne den wir in den vergangenen vier Wochen zum gemeinsamen Däumchendrehen verurteilt gewesen wären, hat gezeigt wie man’s macht: einer Nation ein Turnier versprechen, bei der es Gelegenheit findet, seine kollektive Schuld-Neurose gemeinsam vor der Glotze und im Autokreiseln abzuarbeiten – und schon drängt es die bundesrepublikanischen Steuergelder massenhaft in die Taschen der Welt-Fußballer-Organisation des Herrn Blatter. Schon in Ordnung: Wie sonst sollte Klinsis und seine Truppe den Versuch unternehmen, störungsfrei und auf Edelrasen Richtung Endsieg zu marschieren?

Aber noch etwas haben wir den Politikern jetzt wagemutig offenbart: Falls es jemals wieder Steuerbeschlüsse geben sollte, deren Schmerzgrad mindestens einer Blutgrätsche gleichkommt, dann gebt uns das Fähnchen, eine Ladung Sondersprit für unsere Autos und macht aus den sonst so sorgsam gehegten Innenstädten Aufmarsch- Areale für den Fan-Kreisel. Denn ist der Gruppenwahn erst einmal ausgerufen, steckt man fiskalische Gemeinheiten gleich ganz anders weg. Wir werden uns deshalb auch nicht wundern, wenn der Herr Finanzminister uns demnächst mit einem Korso-Referat überraschen wird.

Aber auch Unternehmer wären wir gerne in dieser Zeit. Nicht, weil wir es dann unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen besonders hart hätten, sondern weil wir wissen, dass dieses an die Randexistenz globalisierte Land noch Reserven hat. Nicht nur im Geldbeutel der sich für den Korso ohne Murren an der Tankstelle jederzeit leeren ließ, sondern auch arbeitskrafttechnisch: Sozialprodukt steigern, statt Fahnen schwenken – wär’ doch was, oder? Die Inder und die Chinesen würden endlich mal wieder vor uns erzittern. Ganz ohne Flaggen.

Michael Stürm