13.10.2010

Ein heftiger Streik als Willkommensgruß

Um 17:32 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Claudias Südafrika-Blog

DC987104-CE17-4119-B262-A444A365678CClaudia Bergmann aus Altdorf beim sozialen Jahr in Südafrika: Alles begann ganz anders als gedacht

Mein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich darf ein Jahr lang hier leben und für die Harding Special School arbeiten. Hier in Südafrika erleichterten unsere Vorgänger uns elf Südafrika-Neufreiwilligen auf einem fünftägigen Seminar den Einstieg ins unbe- kannte Leben, bevor wir in unsere Einsatz- orte zogen. Doch den Einstieg in die Arbeit hatte sich keiner so vorgestellt, wie er kam.

Der öffentliche Dienst in Südafrika streikte. Und somit auch die Lehrer. Aus meinen deutschen Erfahrungen stelle ich mir einen Streik so vor, dass die Arbeitskräfte für einige Tage mit ein paar Fähnchen und einem Megaphon auf die Straße gehen und solange ihre Arbeit niederlegen. Die Arbeit legten die betroffenen Arbeitskräfte hier in Südafrika auch nieder. Allerdings nicht nur für einige Tage, sondern für einige Wochen. Und sie gingen auch nicht mit Fähnchen auf die Straße, sondern mit Stöcken in die Schulen. Die Arbeit niederzulegen, konnte nicht schnell genug gehen: Ärzte sollen mitten in einer OP die Arbeit niedergelegt haben, und einige Menschen hat der Streik das Leben gekostet.

Die Harding Special School stand also leer. Der Direktor hatte die Kinder wegen der gefährlichen Situation nach Hause geschickt. Die Lehrer blieben ebenfalls zuhause. Nicht etwa, weil sie streiken wollten. Die meisten waren mit ihrem Gehalt einigermaßen zufrieden, oder wollten zumindest nicht, um mehr Gehalt zu bekommen, einige Zeit auf ihr Gehalt verzichten. Das wird nämlich ausgesetzt für die Dauer des Streiks. Doch streiken mussten auch sie – die Gewerkschaften drohten mit Gewalt.

Der Streik wurde angeführt von der größten Gewerkschaft der Lehrer: SADTU (South African Democratic Teachers Union). Sie fordert 8,6 Prozent mehr Gehalt und 1000 Rand „Hausgeld“ pro Monat (was zirka 100 Euro entspricht). Geld, das zum Beispiel für die Miete verwendet werden kann.

SADTU ist allerdings auch Teil von „Cosatu“, einem großen Zusammenschluss vieler Gewerkschaften. Cosatu ist genau wie die Partei „SACP“ (South African Communist Party) mit der momentan in Südafrika regierenden Partei ANC befreundet. ANC beschließt vieles zusammen mit Cosatu und SACP. Nun hört man viele Stimmen in Südafrika, die sagen, ein weiterer Grund für den Streik sei der, dass Cosatu gerne wieder mehr Macht und Mitspracherecht hätte.

Der Zeitpunkt des Streiks wurde nicht unüberlegt gewählt. Die Weltmeisterschaft, in die die Regierung so unglaublich viel Geld gesteckt hat, ist vorbei. Ein Grund für Arbeitskräfte, wütend zu werden. Weshalb hat die Regierung Geld für all die teilweise überflüssigen Ausgaben bezüglich der WM, aber keines, um das Gehalt zu erhöhen? Zudem stehen die Schüler kurz vor ihren Examen. Ein sehr ungünstiger Zeitpunkt für ausfallenden Unterricht und somit ein starkes Druckmittel gegenüber der Regierung.

Doch die Regierung blieb eisern. Sie bot einen Zuschuss von 7,5 Prozent plus 800 Rand „Hausgeld“. Und dabei blieb sie auch – ungerührt von der Gewalt, den Toten und dem immer länger werdenden Unterrichtsausfall. Und sie hatte Erfolg: Die Gewerkschaften unterbrachen den Streik.

Die Gründe waren verschiedene. Zum einen fanden die Gewerkschaften immer weniger Zuspruch unter den eigenen Anhängern. Zum anderen erklärte die Regierung, dass ein Mehr an Geld für den öffentlichen Dienst ein Weniger an anderen Stellen bedeuten würde: Sie könnten Arbeitsstellen oder beispielsweise das Bildungsgeld kürzen. Und beides liegt nicht im Interesse der Gewerkschaften.

Die Schule ist jetzt jedenfalls endlich wieder voller Kinder und Lehrer. Die Situation im Land hat sich beruhigt, es besteht momentan keine Gefahr.

Ich habe große Freude daran, zu arbeiten. Vormittags helfe ich einzelnen Kindern im Unterricht. Nachmittags versuche ich zusammen mit meinem Mitfreiwilligen Simon, möglichst viele der 130 Kinder zu beschäftigen und mit ihnen Spaß zu haben. Ich bin unendlich froh darüber, dass ich hier bin. Und trotz der anfänglich unerwarteten Situation ist es hier schöner, als ich mir es je erträumt habe.