30.07.2011

Geheimnisse im Nordmeer

Um 04:52 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

Mücke Eis und WasserObwohl der Roman mit unerklärlichen Bedrohungen der weiblichen Hauptperson beginnt, gehört er doch nicht zu der weit verbreiteten Spezies geheimnisumwehter Geschichten.
Susanne, Krimiautorin von Beruf, nimmt teil an einer wissenschaftlichen Nordmeerexpedition. Ihr vergangenes Leben war nie einfach, sie war eine eher ungeliebte Tochter, deren Mutter Björn, den Sohn ihrer Zwillingsschwester, aufzog und ihn abgöttisch liebte.
Durch die bedrohlichen Vorfälle an Bord brechen aus Susanne verstörende Erinnerungen hervor. In zwischengeschobenen Rückblicken entfaltet sich das Panorama einer Familie, in der niemand je wirklich glücklich war. Nicht der Ehemann Birger, nicht die Zwillingsschwestern Inez und Elsie, nicht Susanne und auch nicht Björn. Eigentlich eher zufällig wird Björn der umjubelte Star einer Band. Kurz scheint das Glück aufzuleuchten, aber zu tief sitzen Eifersucht und besitzergreifende Liebe.
Als Björn nach einem demütigenden Vorfall während eines Konzerts spurlos verschwindet, ist nichts mehr wie vorher.
Mag auch die ein oder andere Spur, die die Autorin legt, nicht ganz zu überzeugen, bleibt doch ein interessantes Porträt einer Familie, die keinen Ausweg aus ihrer problematischen, verfahrenen Situation findet.

Majgull Axelsson: Eis und Wasser, Wasser und Eis. Bertelsmann 2010. 542 Seiten, 22.90 Euro

Von Rita Mücke, ehemalige Leiterin der Stadtbibliothek Böblingen


30.07.2011

Zerbeultes Fahrrad lässt den Knoten platzen

Um 04:51 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

Jani AnniSeit Annis Mutter bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen ist, verbringt ihr Vater die Tage vor dem Fernseher und vernachlässigt seine Kinder. Annis Bruder drischt nur noch auf sein Schlagzeug ein, und ihre große Schwester droht auf die schiefe Bahn zu geraten. Keine guten Voraussetzungen für ein vergnügliches Kinderbuch – könnte man meinen. Gäbe es da nicht das soziale Netzwerk: die beiden Tanten, eine resolut, die andere liebevoll-nachgiebig, die humorvollen Großeltern und eine Schulfreundin, die felsenfest zu Anni steht, auch wenn die Klassenzicken wieder einmal versuchen, Anni auszugrenzen. Dieses Netzwerk trägt und bewahrt Annis Familie letztendlich davor, an ihrer Trauer zu zerbrechen.
Zunächst sieht es nicht gut aus. Zu Hause gibt es nur noch verkohlte Pizza zu essen. Wenn diese gar nicht mehr genießbar ist, wird sie an den Familienhund verfüttert. Dem Hund bekommt dies auf Dauer gar nicht. Er leidet zunehmend unter der falschen Ernährung und mangelndem Auslauf. In der Schule kann sich Anni nur noch schlecht konzentrieren. Erst die neue, strengere Lehrerin schafft es, Anni den nötigen Halt zu geben.
Als die familiären Zustände langsam unhaltbar werden, reden die Tanten und Annis Großeltern dem Vater ins Gewissen und schaffen es, ihn an seine familiären Pflichten zu erinnern. Schlecht gelaunt versucht der Vater zunächst mit übermäßiger Strenge, Annis Schwester wieder auf die richtige Bahn zu bringen. Dies geht zunächst gründlich schief. Erst als eine der beiden Tanten beschließt, ihre Hochzeit im zwischenzeitlich völlig verwahrlosten Garten der Familie zu feiern, platzt der Knoten.
Anni und ihrer Familie schaffen es nicht nur, den Garten aufzuräumen. In dem Moment, in dem sie das zerbeulte Fahrrad der Mutter aus dem Schuppen ziehen, gelingt es ihnen endlich, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und offen über ihre Trauer zu sprechen. Der Heilungsprozess beginnt. Zum Schluss – nach einem Wechselbad der Gefühle – wird der Leser mit einem großartigem Happyend belohnt.
John Newman zeichnet seine Figuren liebevoll. Er schafft es, dieses schwierige Thema literarisch so zu gestalten, dass der Leser bis zum Ende nicht mehr losgelassen wird. „Anni“ von John Newman kann für Kinder ab neun Jahren und auch für erwachsene Leser empfohlen werden.

John Newman: Anni. Fischer Schatzinsel 2011. 12,95 Euro.

Von Andreas Jani, Kinder- und  Jugendbibliothekar der Stadtbibliothek Böblingen


23.07.2011

„Vertraue niemandem – nicht einmal dir selbst“

Um 04:48 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

boy 7 janiEin ungefähr 15-jähriger Junge erwacht inmitten einer verlassenen Graslandschaft. Er erinnert sich an nichts, nicht an seinen Namen und seine Identität und auch nicht an das kleinste Detail seiner Vergangenheit. Lediglich der Rucksack, der neben ihm im Gras liegt, enthält einige wenige Dinge, die auf vergangene Ereignisse hinweisen könnten. Doch auch die Adressdateien des Handys sind gelöscht. Eine einzige Nachricht befindet sich in der Mailbox: „Was auch passiert, ruf auf keinen Fall die Polizei“.
Es ist seine eigene Stimme, die da zu ihm spricht. Nachdem er von einem scheinbar zufällig vorbeifahrenden Mädchen mitgenommen wird und bei deren Tante eine vorläufige Bleibe findet, versucht er mit Hilfe der wenigen Gegenstände aus seinem Rucksack seine Vergangenheit wie ein Puzzle zusammen zu setzen. Lara, die neue und einzige Bekannte hilft ihm bereitwillig bei seiner Suche. Doch er kann tatsächlich niemandem wirklich vertrauen. Das Mädchen scheint ihn schon vorher gekannt zu haben, verschweigt dies aber. Der Polizist, der bei Laras Tante zu Mittag isst, beobachtet ihn. Erst als es ihm gelingt, sein Tagebuch zu finden, kann er die zurückliegenden Ereignisse nach und nach entschlüsseln und rekonstruieren.
Er und ein paar andere Jungen – alle haben sie besondere Fähigkeiten – wurden von einer kriminellen Organisation entführt. Den Jugendlichen wurde ein Mikrochip eingepflanzt, mit dessen Hilfe nicht nur ihr Wille manipuliert werden, sondern auch das komplette Gedächtnis gelöscht werden kann. Nachdem Boy 7 – so wurde der Junge von seinen Entführern getauft – all dies durchschaut hat, gelingt es ihm schließlich seine Entführer zu überlisten.
Die Niederländerin Mirjam Mous hat einen spannenden Thriller für junge Leser ab 14 Jahren geschrieben, der sich nicht nur kritisch mit dem Wert der menschlichen Entscheidungsfreiheit und deren permanenten Bedrohung auseinandersetzt, sondern seine Leser auch bis zum Schluss glänzend unterhält.

Mirjam Mous: Boy 7. Arena 2011.

Von Andreas Jani, Kinder- und  Jugendbibliothekar der Stadtbibliothek Böblingen


23.07.2011

Ein Blick auf die Schweiz des 20. Jahrhunderts

Um 04:45 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

mücke Das GuteDeutsch-schweizer Autoren? Da fallen uns Dürrenmatt und Frisch ein. Aber Schnetzler? Es lohnt sich, diesen Autor kennenzulernen, der erst spät zu schreiben begann. „Das Gute“ nennt er lapidar seinen umfangreichen Roman und nach diesem Guten streben alle Figuren seiner Familienchronik, mit größerem oder geringerem Erfolg. Hundert Jahre und vier Generationen werden lebendig, Zürich ist Hauptschauplatz. In neun Zeitblöcken laufen Weltgeschehen parallel mit der persönlichen Geschichte zweier Familien, der Familie Frauenlob-Gerber und der Bizzi-Gerber.
Der Roman beginnt mit Hans Gerber, Stadtpolizist, dessen größter Wunsch, beim Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. 1912 beim Abendständchen der Gesangvereine mitsingen zu dürfen, in Erfüllung geht. Und er endet 2012 mit einem Treffen aller noch lebenden Familienangehörigen.
Dazwischen liegen zwei Weltkriege, eine furchtbare Grippeepidemie, Studentenunruhen, Emanzipationsbestrebungen und Auswanderung. Erlaubte und unerlaubte Liebe, Drogensucht, starres Festhalten an Traditionen und der eher unheilvolle Einfluss zweier Sekten auf weibliche Familienmitglieder prägen die private Geschichte.
Nach der Lektüre kennen wir die Schweiz des 20. Jahrhunderts ein wenig besser.

Kaspar Schnetzler: Das Gute. Suhrkamp 2010. 552 Seiten, 14.90 Euro

Von Rita Mücke, ehemalige Leiterin der Stadtbibliothek Böblingen


16.07.2011

Was Leser lesen: Köstlich geschriebener Comic-Roman

Um 17:45 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

Greg TackeGreg hat von seiner Mutter ein Tagebuch geschenkt bekommen, und damit beginnt ein Comic-Roman, der dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Es ist köstlich geschrieben, für Jung und Alt, und witzig zu lesen.
Greg jedenfalls beginnt einfach mal zu schreiben. Er erzählt von seinem Schulwechsel (von der Grundschule auf die Junior Highschool), von den komischen Erlebnissen mit Klassenkameraden oder wie er in seiner Freizeit Videospiele ohne Ende spielt. Greg berichtet von seinen beiden lästigen Brüdern – dem älteren Rodrick, der in einer Band namens „Folle Vindel“ spielt, und dem jüngeren Manni, der immer alles machen darf und nie bestraft wird. Und er erzählt von seinem Freund Rupert, der oft auch eine Nervensäge ist, aber bei dem man seine Videos weiterspielen kann, wenn man von seinem Vater aus dem Haus gejagt wurde, um „etwas Sportliches“ zu machen.
Nach diesem ersten Tagebuch sind wegen des großen Erfolges inzwischen vier Fortsetzungen erschienen.

Jeff Kinney: Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt, Baumhaus Verlag 2011.

Von Erika Martin-Tacke aus Aidlingen


16.07.2011

Wie sich die Lebensziele ändern können

Um 17:42 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

Mücke Dunkle TageIn Dublin und New York spielt der letzte Roman der durch ihre Autobiografie bekannt gewordenen irischen Autorin. Die „mittlere Strecke“ der Lebenszeit, insbesondere von Frauen, ist Thema des Romans.
Rosie, die Ich-Erzählerin, sieht sich als „Pendlerin zwischen der Melancholie Irlands und dem Optimismus Amerikas“. Rosie ist weitgereist, sie war in vielen Teilen der Welt unterwegs. Zwar blieb sie unverheiratet, lernte aber durchaus die erotische Liebe in wechselnden, oft faszinierenden Beziehungen kennen.
Eine weitere wichtige Person ist Min, die Tante Rosies, die im frühen Alter von 15 Jahren den Platz ihrer verstorbenen Schwester als Mutterersatz einnehmen musste. Ein eigenes, frei gewähltes Leben stand nie zur Entscheidung. Aber nun, mit 69 Jahren, erwacht in Min Abenteuer- und Unternehmungslust. Hoch interessant ist, wie sich ganz plötzlich die Lebensziele von Nichte und Tante ändern. Bei einem Besuch in den USA empfindet Min Faszination an der zupackenden Lebensweise der Amerikaner, Rosie aber lässt sich ein auf Gedanken über die irische Geschichte und die Lebensbedingungen irischer Frauen.
Sehr glaubwürdig wird geschildert, wie die beiden Frauen lernen müssen, ihre gegenseitige Zuneigung unter veränderten Gegebenheiten zu bewahren.

Nuala O’Faolain: Dunkle Tage, helles Leben, Diana-Verlag 2010, 463 Seiten.

Von Rita Mücke, ehemalige Leiterin der Stadtbibliothek Böblingen


09.07.2011

Liebe und Verrat in schwieriger Zeit

Um 17:47 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

Mücke TänzerinAls Schmetterling wurde einst die gefeierte Bolschoi-Tänzerin Nina Rewskaja bezeichnet. Der Roman von Daphne Kalota yist ihre Lebensgeschichte, aber auch die ihrer Mutter, ihrer besten Freundin, ihres Mannes und vieler anderer, die im Russland der Stalinzeit Verrat, Not und Verschleppung erleiden mussten.
Nina schafft es, allein in den Westen zu fliehen, in Gepäck und Kleidern versteckt ihren wertvollen Schmuck. Heute lebt sie in Boston. Sie ist alt, an den Rollstuhl gefesselt und verbittert. Es braucht lange, bis sie sich die Wahrheit über ihre Vergangenheit eingesteht. über den Verrat, den sie einst an ihrer besten Freundin beging. Langsam nur entrollen sich im Roman die Schicksale der Hauptpersonen, zeigen die grausamen Lebensbedingungen vieler Künstler in der stalinistischen Sowjetunion, die Pein derer, die durch Willkür und Terror sich zu Verrat gedrängt fühlten.
Ninas Lebensgeschichte hat alles, was ein fesselnder Roman haben muss: erfüllte und unerfüllte Liebe, zeitgeschichtliche Perspektiven und Geheimnisse, die sich nur langsam entwirren.

Daphne Kalotay: „Die Tänzerin im Schnee“, Rütten & Loenig 2010, 19,95 Euro.

Von Rita Mücke, ehemalige Leiterin der Stadtbibliothek Böblingen


09.07.2011

Einmal Jenseits und zurück

Um 17:46 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

Jani MumieIn ihrem fantastisch-historischen Krimi für Kinder ab etwa zehn Jahren erzählt Rosa Naumann die Geschichte von Nefret und Tamut. Die beiden Zwillinge sind die Töchter des ägyptischen Kaufmanns Hekab. Die Geschichte spielt in der Stadt Memphis im zweiten Jahrhundert vor Christus. Als Hekab auf einer Handelsreise ermordet wird und die missgünstige Tante der Mädchen diese um ihren Erbteil bringt, sind die beiden zunächst völlig mittellos.  Mit Hilfe der befreundeten Priesterin Merit finden sie jedoch Zuflucht in einem Tempel und dienen dem heiligen Stier Apis als Priesterinnen.
Als Apis seinen nahenden Tod spürt und mit Tamut – die sich ihm besonders verbunden fühlt – Kontakt aufnimmt, wird aus dem spannenden historischen Krimi schließlich eine fantastische Erzählung. Der heilige Stier bietet Tamut an, ihn auf seiner Reise ins Jenseits begleiten zu dürfen, und ihren Vater mit Hilfe eines Amuletts wieder in die Welt der Lebenden zurückzuholen. Auf dieser gefahrvollen Reise zum „ewigen Binsengefilde“ lernt der Leser einiges über die Mythen und Götter der alten Ägypter. Jede Nacht fährt der Sonnengott Re gemeinsam mit anderen Göttern und den Verstorbenen auf der Nachtbarke durch das Totenreich. Dabei muss der Angriff der Schlangengottheit Apophis und verschiedene andere Gefahren abgewehrt werden. Außerdem entscheidet sich, ob ein Verstorbener ins Jenseits eingeht oder in das Feuermeer gestoßen wird. Mit Hilfe der Götter gelingt es Tamut, ihren Vater aus den Gewässern des Totenreiches zu bergen und ihn schließlich auch in das Diesseits zurückzuholen. Am Ende kann so der Ermordete seinen eigenen Mörder stellen.
Da für die alten Ägypter die jenseitige Welt eine sehr real Angelegenheit war, bietet sich diese – auf den ersten Blick – recht abenteuerliche Verquickung von Krimielementen und mythischer Erzählung durchaus an. Unterhaltsamer kann man jugendliche und auch erwachsene Leser kaum in die Götterwelt der Ägypter und deren Vorstellungen vom Jenseits einführen.

Rosa Naumann: „Das Versteck in der Mumie“, dtv junior 2010

Von Andreas Jani, Kinder- und  Jugendbibliothekar der Stadtbibliothek Böblingen


25.06.2011

Autorin erzeugt Bilder, die lange haften bleiben

Um 17:41 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

Mücke FeuerMarie ist Studentin, Praktikantin in einem Verlag. Dort lernt sie den Schriftsteller Rupert kennen, 33 Jahre älter als sie, zweimal geschieden und bereits Vater und Großvater – keine gute Voraussetzung für eine auf Dauer angelegte Beziehung. Und doch hält diese 20 Jahre, bis zum Tod Ruperts. Unspektakuläre Jahre, aber erfüllt von Zuneigung und gemeinsamen Interessen, vom Schreiben, Erzählen und Lesen. Der Lebensstil der beiden ist einfach, ein gemietetes kleines Haus in Ostfriesland, später eine Wohnung mit Freunden in Hamburg. Freunde sind wichtig, der Gedankenaustausch mit ihnen, die Natur in ihren jahreszeitlichen Erscheinungen.
Klingt in der Zusammenfassung langweilig, aber die zarte Sprache, die Formulierungskunst der Autorin erzeugen Bilder, die lange haften bleiben. Es sind nur Momentaufnahmen aus beider Leben, eine Mischung von Alltäglichkeiten und tiefen Gedanken über gesellschaftliche Gegebenheiten, über Gerechtigkeit, Freundschaft und Liebe, über die Schönheit des Lebens und den Tod.
Nach dem Krebstod Ruperts sinniert Marie teils im Rückblick, teils in fiktiven Briefen an ihren verstorbenen „Feuerfreund“ über die 20-jährige Lebensgemeinschaft. Kein Idealmann wird dabei beschrieben, negative Eigenschaften werden nicht unterschlagen, aber das Wesentliche, die starke Liebe zueinander, gleiche Wertvorstellungen als Voraussetzung gelungenen Lebens sind unverkennbar.
„Feuerfreund“ nennt ihn die Autorin, weil er gerne Kerzen entzündet und die Glut im Ofen am Leben hält. Liebe, Freundschaft, Krankheit und Tod – am Ende des Romans beginnen wir, ihn noch einmal von vorn zu lesen, wissend, dass wir eine hochtalentierte Autorin kennengelernt haben.

Sabine Peters: Feuerfreund. Wallstein-Verlag 2010. 219 Seiten, 19 Euro.

Von Rita Mücke, ehemalige Leiterin der Stadtbibliothek Böblingen


25.06.2011

Von Santiago nach Sevilla zur Zeit der Inquisition

Um 17:38 Uhr von KRZ-Redaktion in Allgemein, Literaturtipps

Jani LöweRafael, ein Waisenjunge, der bei seinem Onkel und seiner Tante in Santiago de Compostela lebt, wird vom Onkel zum Stehlen gezwungen. Nach einem scheinbar tödlich endenden Streit mit seiner Tante, flieht er gemeinsam mit dem Fischerjungen Pablo aus der Stadt. Pablo möchte nach Sevilla, um von dort in die neue Welt aufzubrechen und Rafael schließt sich im zögernd an. Auf ihren Weg treffen sie auf den Hausierer und fahrenden Dichter Mateo. Dieser ist Mitglied eines Geheimbundes von Freidenkern, die von der heiligen Inquisition verfolgt werden. Die beiden sind von Mateos Freiheitsliebe tief beeindruckt und nehmen sich ihn zum Vorbild. Doch schließlich trennen sich ihre Wege wieder.
Stattdessen gesellen sich nach und nach weitere Kinder und der junge Zigeuner Niello zu den beiden Jungen. Alle sind sie Waisen und Opfer der allmächtigen Kirche. In das Mädchen Estella verliebt sich Pablo Hals über Kopf. Als sie schließlich erfahren, dass Mateo der Inquisition in die Hände gefallen ist, beschließen sie, alles daran zu setzen, um ihn wieder zu befreien. Helfen soll ihnen dabei der „Rote Löwe“, ein sagenumwobener Volksheld. Nachdem sie den „Roten Löwen“ gefunden haben, gelingt es ihnen gemeinsam, Mateo mit Hilfe einer List in letzter Minute zu befreien.
Die beiden niederländischen Autoren Bert Kouwenberg und An van?t Oosten zeichnen ein eindrückliches Bild der Situation in Spanien um 1600. Die Odyssee der Kinder spiegelt die politische und soziale Situation zur damaligen Zeit und zeigt das unvorstellbare Leid derer, die damals von der allmächtigen Kirche gnadenlos verfolgt wurden. Den beiden Autoren gelingt es, eine Atmosphäre zu schaffen, die den Leser zunehmend in den Bann zieht. Verpackt ist das alles in eine spannende Abenteuergeschichte, deren Handlung manchen originellen Hacken schlägt. Am Ende findet Rafael – der Waisenjunge – sein Lebensziel darin, ebenso wie Mateo mit Hilfe der Dichtkunst für die Freiheit zu kämpfen. Pablo hingegen zieht es vor, mit seiner großen Liebe Estella  in sein Fischerdorf zurückzukehren.

Bert Kouwenberg und An van’t Oosten: Der Rote Löwe. Urachhaus 2010, 15,90 Euro.

Von Andreas Jani, Kinder- und  Jugendbibliothekar der Stadtbibliothek Böblingen


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